Als jemand, der als Reiseleiterin in Island arbeitet und dabei auch die ganzen negativen Begleiterscheinungen des zunehmenden Tourismus` mit- und zu spüren bekommt (und nicht glücklich darüber ist), muss ich doch mal 3 Worte zu dieser Umfrage verlieren.
Ich hatte den Artikel vorgestern gelesen und war nicht wirklich begeistert davon, da er wenig aussagekräftig ist. Mehrere meiner Gruppen wurden letztes Jahr zur Befragung eingeladen. Ich weiß nicht mal, ob nur Gruppen angesprochen wurden oder auch Individualreisende. Die Umfrage selber bestand aus mehreren Seiten und entsprechend vielen Fragen. Es ging u.a. darum, wie man den Ort findet, wie die Infrastuktur, die Ausschilderung, Einrichtungen vor Ort, ob man sich wohl fühlt / es einem gefällt, wie viele Tage man auf Island und in der speziellen Region verbringt, wo man vor/nach Besuch des speziellen Ortes übernachtet (hat), wie viele Stunden man vor Ort verbringt. Und es ging glaube ich in einer kleinen Frage auch darum, ob man findet, dass dort zu viele Menschen vor Ort sind /ob man sich von anderen gestört fühlt.
Ich fand die Umfrage an sich immer schon ungünstig. Insbesondere bei Gruppenreisen, wenn man betrachtet, dass wir mit ganz vielen Gruppen bei vielen Veranstaltern in nur 6 Tagen um die Insel rasen. Es war teilweise schon schwer, den Gästen klar zu machen: Die Fragen beziehen sich NUR auf den Ort, an dem wir in der letzten Stunde waren, nicht auf die gesamte Tour! Und wer einmal eine 6-Tage-Rundrase mitgemacht hat, weiß, wie wenig Zeit man für die einzelnen Orte hat. 1 Stunde Þingvellir, 60-80 min Geysir, 90-120 min Jökulsárlón (und letzteres nur deswegen, weil es immer schwieriger wird, trotz Voranmeldung ein oder zwei Boote für die Gruppe zu bekommen).
Jeder weiß, dass es Orte in Island gibt, die fast immer "voll" sind. Wer einmal zusammen mit 2 Kreuzfahrtschiffen am Geysir war, bekommt die Krise. Vor 2 Jahren bin ich mit meinem Busfahrer am Gullfoss mal regelrecht geflohen und habe die Gruppe erstmals alleine bis zur Fallkante gehen lassen, weil um die 1000 Leute gleichzeitig die Treppen rauf und runter wollten. Natürlich ist Geysir immer voll. Auch Jökulsárlón. Oder in Skaftafell der Weg zum Svartifoss. Diese "Wanderung" ist für mich reines "Kopfausschalten auf der Autobahn". Und es gibt andere Ecken, da sind wir ganz alleine. Selbst neben der Ringstraße. Natürlich empfinden die Touristen die "richtig vollen" Orte dann als überlaufen - eben weil es auch Ecken gibt, wo man selbst in der Hochsaison noch ein wenig unter sich sein kann.
Prinzipiell sage ich: Es gibt Länder, da sind bestimmte Sehenswürdigkeiten weitaus überlaufener als Geysir als Jökulsárlón. Zweitens hält diese beide Ziele vor der Reise nahezu jeder für ein "must see" und nach dem Sehen als "toll / muss man gesehen haben". Ist doch klar, dass es sich an diesen Orten etwas türmt.
Aus der Erinnerung heraus sage ich, dass viele meiner Gäste (wir haben ja ab und an über den Fragebogen gesprochen) noch meinten: Ist doch klar, dass es hier voller ist; deswegen ist es ja nicht gleich schlecht.
Auf der anderen Seiten waren viele der gestellten Fragen ziemlich sinnlos für viele meiner Reisegruppen - eben weil wir nur wenig Zeit hatten und sich ein (Groß)Teil der Gruppe (in Abhängigkeit vom Zeitpunkt innerhalb der Reise) dann doch mehr am Reiseleiter hält, statt alleine auf Entdeckungstour zu gehen und beurteilen zu können, wie Infrastruktur und Einrichtungen sind (meine Güte, wir haben max. Zeit für´s Klo bei diesen Rase-Touren). Viele der Fragen wären angebrachter gewesen bei reinen Individualreisenden, die ihre Reisen auch noch selbst organisiert haben (statt vorgegebener Mietwagenrundreise durch einen Veranstalter). Statt dessen wurden die Fragebögen massenweise an uns Gruppen ausgeteilt.
Insofern fand ich es sehr schade, dass lediglich dieser eine Aspekt und das dazu noch völlig unbeleuchtet in dem Artikel erwähnt wurde.