Ja, ich gebe es zu. Ich hatte sie alle gelesen die Hinweise zu den Zelten, die man zum Überleben auf Island braucht. Doch als ich dann, schon vor Ort in Reykjavík, meine Pläne zu Gunsten von Urlaub änderte, gab es drei zu berücksichtigende Rahmenbedingungen: Das Budget, das Budget und das Budget. Bei meiner Suche nach einem geeigneten Zelt stieß ich bei ebay auf eine Firma, die die Namensbestandteile Profi und Outdoor in sich vereinigte und da war es: mein Zelt in meiner Farbe, sprich: knallorange. Sie sprachen von geodätischer Konstruktion, von ideal für Trekking und sturmsicher. Und das für 60 ! Ich wollte es den ganzen Kauf-Teuer-Zeltern zeigen, habe geboten und gewonnen. Mitte Juni, also zwei Wochen vor Urlaubsbeginn, trafen mein Zelt und das restliche Equipment per Luftpost in Reykjavík ein und das Drama nahm seinen Lauf. Erster Probeaufbau in der Wohnung ... und mir schwante Böses. An einigen Stellen spannte es arg und die Laschen für die dritte Stange waren karo-einfach in den Zeltboden eingenäht. Als ob ich es geahnt hätte, schrieb ich der Firma noch kurz ne Mitteilung über meine Bedenken, dass ich das Zelt, wäre ich in Deutschland gewesen, sofort zurückgeschickt hätte und dass ich davon ausging, dass es die erste isländische Sturmnacht nicht überlebt. Aber wie heißt es so schön: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Also ran an den Außentest. Bestens versorgt mit Imprägnierspray hielt mein Zelt tapfer zwei Tage und zwei Nächte auf einem Reykjavíker Hinterhof aus, ohne irgendwelche Ermüdungserscheinungen. Na bitte, geht doch.
Am 29.06.06 startete ich dann in meinen Urlaub. Erstes Ziel: die Westmänner-Inseln. Schon die Überfahrt bot einen Vorgeschmack auf das, was mir bevorstand. Ich musste wie so viele andere fast die gesamte Überfahrt in der Waagerechten verbringen, um mich nicht wie so viele andere an der Produktion von Fischfutter zu beteiligen. Dabei hätte ich noch fast die spektakuläre Einfahrt in den Hafen verpasst. War das ein Anblick, Wahnsinn! Wie bei einem kleinen Kind ging der Mund nicht mehr zu. Es war so irre schön.
Mutig stellte ich meine kleine orange Leuchtboje auf ihr erster richtiger Einsatz und sie machte tatsächlich einen stabilen Eindruck, während der Wind zunahm. Dann ging es auf zur Inselerkundung. Vom Zeltplatz aus ging direkt schnurstracks einen Weg rauf auf den Berg (auf den Háhá?) ich meine den, bei dem sie die Serpentinen vergessen haben. Glücklicherweise kam der Wind von Westen und hatte schon so stark zugenommen, dass er mich nach oben drückte. So konnte ich zumindest nicht rückwärts runterfallen und brauchte beim Aufstieg nur 8x anhalten. Oben angekommen, vernahm ich Musik und konnte in der Ferne einen Umzug ausmachen. Also schnell an anderer Stelle wieder runter und nachgeschaut. Shellmot 2006! Ich gesellte mich zu den vielen Isländern auf den Sportplatz und genoss das Spektakel. Die Stimmung unter diesen Jungs war Wahnsinn. Der Hall der umliegenden Berge verstärkte ihre Schlachtrufe, die Gänsehaut erzeugten. Als ersten Höhepunkt nach der offiziellen Eröffnung gab es ein Feuerwerk. Gut, wer in Deutschland mal ein Feuerwerk im Sommer um 16 Uhr gesehen hat, weiß, wie es in Island abends um 20 Uhr aussieht. Aber schön warŽs trotzdem. Man hat es eben erst knallen gehört und dann konnte man mit etwas Anstrengung die Rakete am Himmel entdecken

Direkt im Anschluss begann aber der ungemütliche Teil. Es begann zu regnen, und der Sturm wurde nicht weniger. Immerhin stand mein Zelt noch. Die ersten 2,5 Stunden konnte ich wegen der vielen Autos, die noch auf dem Zeltplatz ankamen, und wegen dem Geschnatter der Vögel nicht schlafen. Und anschließend waren alle Sinne auf das Zelt gerichtet: Hält es??? Dass es nicht durchregnet, da war ich mir ziemlich sicher. Aber der Sturm? Zumindest waren die Vögel plötzlich ruhig, als der Wind immer mehr zunahm. Und irgendwann hatte ich auch Vertrauen in mein Zelt und schlief 2 oder 3 Stunden. Noch im Traum ersann ich meinen Text fürŽs Forum, den ich dann nach 8 Wochen mit meinem Billig-Zelt zwingend hinterlassen wollte. Dann war es 4 Uhr und zu dem Sturm gesellte sich noch richtig fetter Regen. Es war einfach nur noch laut und ich beobachtete mein Zeltgestänge. An Schlafen war gar nicht mehr zu denken und ich gab gegen 7 Uhr einem körperlichen Drängen nach und begab mich in starker Schräglage (anders war gegen den Wind nicht anzukämpfen) Richtung Klohäuschen. Wieder zurück inspizierte ich mein Zelt: Es hielt sich noch ganz tapfer. Nur an der befürchteten Stelle da wo die Lasche für die dritte Stange in den Zeltboden genäht war war ein kleines Loch. Der Wind wurde immer stärker und ich beschloss, alles zusammenzupacken, um Rucksack und Zelt tagsüber irgendwo unterzustellen und abends wieder aufzubauen.
Es war 8 Uhr, als ich mich endlich wieder in meine Regenmontur gepellt hatte und begann, das Zelt zusammenzupacken. Leider musste ich feststellen, dass es die Lasche inzwischen komplett entschärft hatte. Mein Zelt hing also nur noch an 5 Gestängeenden und war von eben auf jetzt völlig unbrauchbar geworden. Aber irgendwie war ich gar nicht wütend. Vielleicht sogar ein wenig froh, dass es das Zelt gleich am Anfang der Reise entschärft hatte, da ich eh noch mal nach Reykjavík zurück musste. Durch den Regen und weil es mir irgendwie peinlich war, dass ich im strömenden Regen meine Leuchtboje zusammenpacken musste, nahm ich um mich herum nichts wahr. Plötzlich hockten zwei Polizisten hinter mir und mir schoss im ersten Moment nur ein Gedanke durch den Kopf: Jetzt verhaften sie dich, weil du mit nicht islandtauglichem Material unterwegs bist. Aber nein. Sie haben einfach nur mit angepackt, beruhigend auf mich eingeredet, mir erzählt, dass ich die Nacht in der Turnhalle schlafen könnte, und mich und mein Zelt in eine Lagerhalle gebracht (zum Trocknen) und mich ohne meine Zelt anschließend ins Schwimmbad. Es war beruhigend festzustellen, dass ich nicht das einzige Opfer war. Und es war dann später noch beruhigender, als ich erfuhr, dass die Polizei nicht nur die Flugobjekte (wobei mein Zelt ja kein Flugobjekt war; aber egal, kaputt war es trotzdem) gesichert, sondern wegen des Sturms den gesamten Zeltplatz geräumt hatte. Ach und ganz im Vertrauen hoffte ich, dass die Polizisten Recht behielten mit ihrer Aussage, dass so ein Sturm nur 12 Stunden andaure. Für den nächsten Tag stand auf jeden Fall gutes Wetter auf dem Plan.
Während ich im Regen im HotPot saß und die letzten Stunden Revue passieren ließ, verzogen sich tatsächlich so nach und nach die Wolken und um 13 Uhr konnte ich bei strahlendem Sonnenschein meine Wanderung um die Insel antreten. Kurz vor 18 Uhr war ich zurück, meldete mich wieder bei der Polizei um mein Zelt abzuholen. Ach das Ärmste, es lag da ganz alleine in der großen Lagerhalle, denn alle anderen waren schon abgeholt worden. Die Polizei, mein Freund und Helfer in der Not, zeigte sich wieder von der besten Seite, chauffierte mich durch die Gegend und teilte mir noch ganz stolz mit, dass es Deutschland ins Halbfinale geschafft hatte. Ich gebe zu, ich habe die Gastfreundschaft aufŽs Spiel gesetzt, als ich anmerkte, dass die Deutschen auf keinen Fall die WM gewinnen werden

Der dritte Tag begann mit richtig tollem Wetter. Ich wanderte durch die Gegend, war einer von vier Passagieren auf der Bootstour um die Insel, sah ganz viel Wale ganz dicht, erlebte den KaptŽn mit seinem Saxophon-Solo, genoss das kleine Aquarium der Insel und machte mich bei ruhiger See auf nach Reykjavík.
Nachlese: Die Westmänner-Inseln sind wirklich toll wenn nicht gerade Sturm ist. In Reykjavík habe ich ein tolles, neues Zelt erstanden, bei dem ich dann alle Hinweise berücksichtigt habe. Zu guter Letzt hat auch die Firma meines Erst-Zelt den kompletten Preis erstattet, wobei ich mir Kommentare á la Hat sich Ihre negative Erwartungshaltung also erfüllt? anhören musste. Es gab einen Kommentar zurück und damit war die Sache erledigt. Was viel wichtiger ist: Mein zweites Zelt lebt noch immer
